6. Eintrag
31.12.2013 10:37Mein erstes Semester an der University of Kentucky ist schon vorbei. Ich kann es kaum glauben, denn ich fühle mich nicht so, als ob ich schon "lange" drüben wäre. Ich konnte jede Menge Unterschiede zwischen den Vorlesungen in Würzburg und denen in Lexington feststellen. Das Verhältnis zwischen Professor und Studenten ist viel lockerer und persönlicher. Man kommuniziert viel mehr außerhalb der Vorlesungen, z. B. bei den office hours. Auch die Korrekturen der Klausuren sind anders; manchmal steht einfach ein "come talk to me" an Stellen, bei denen man nicht ausführlich genug war. Dann kann man den Prof im Büro besuchen und erklären, was genau gemeint war. Den Professoren kommt es mehr darauf an, dass wir das Zeug verstehen und nicht, dass wir möglichst viele Punkte bekommen. Auch das Klausurensystem ist anders, da man meistens schon zur Mitte des Semesters einige Examina hat. Persönlich gefällt mir das System besser, da man öfters eine Lernmotivation hat und auch die einzelnen Klausuren nicht so stark gewichtet sind. Je nach Dozent bekommt man auch take-home exams, d.h. man bekommt die Prüfung ausgeteilt und hat dann (z. B.) eine Woche Zeit, die Prüfung abzugeben. Das System setzt natürlich voraus, dass die Studenten nicht betrügen. Im Endeffekt würden wir uns damit nur selber schaden und deswegen klappt es ziemlich gut.
Auch die Einstellung der Studenten ist um einiges besser als in Deutschland. Ich habe es im ganzen Semester nicht erlebt, dass ein Student zu faul war seine Hausaufgaben zu machen. Oftmals trifft man sich und lernt zusammen, oder spricht nochmal das Zeug durch. Auch an den Wochenenden habe ich bisher praktisch nie ein leeres Büro vorgefunden. Ob an Samstagen oder Sonntagen, man trifft praktisch immer jede Menge Studenten und Dozenten, die die Zeit nutzen wollen/müssen. Jeder schaut, dass er genug Zeit in den Stoff investiert. Das sorgt natürlich für eine angenehme Atmosphäre, gerade in den Vorlesungen. Fragen in den Vorlesungen sind sehr häufig und die Professoren erklären es gerne mehrmals. Es geht insgesamt sehr interaktiv zu.
Einige Professoren haben uns am Ende des Semesters auch in die Wirtschaft zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Die Professoren hören auch viel mehr auf unsere Meinungen und wir können sogar Kurse vorschlagen, die wir gerne hören würden. Wir haben jetzt schon Emails bekommen, was wir im nächsten fall semester belegen können und wir konnten schreiben, was wir gerne belegen würden. Vor der Kurswahl gab es auch noch eine kurze Unterredung mit unseren Betreuern (für first-year grad students ist das normal der Director of Graduate Studies [DGS]). Das ist sehr angenehm und hilfreich. Es gab auch Veranstaltungen, in denen der DGS wissen wollte, was für Verbesserungsvorschläge wir Studenten haben und wie es bei uns läuft.
Das Unterrichten war eine sehr interessante Erfahrung für mich. Am Anfang habe ich mir ein paar Sorgen gemacht, dass ich vor 35-40 Studenten stehen muss und auf Englisch denen Mathe erklären soll. Es hat sich allerdings sehr schnell herausgestellt, dass das nicht wirklich tragisch ist und mir das Unterrichten viel Spaß macht. Die Studenten müssen an der Uni Mathevorlesungen besuchen und dementsprechend hoch war bei manchen (nicht bei den meisten! :-) ) die Motivation. Durch dieses Semester habe ich echt das bayerische Bildungssystem zu schätzen gelernt. Nicht nur in Mathe, sondern auch in Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde haben wir ein gutes Hintergrundwissen. Ich denke, dass das niedrigere Niveau eine Folge davon ist, dass die Schulen nicht getrennt werden. Man braucht nicht mal einen Schulabschluss, um studieren zu dürfen. An der Uni werden Studenten sehr gefördert. Doktorandenprogramme zahlen praktisch immer ein gutes Gehalt und es gibt auch sehr gute Stipendien. Als kleines Beispiel: Manche Stipendien bieten 30 000 $ Jahresgehalt; dazu kommt noch, dass die Studiengebühren nicht gezahlt werden müssen, die Krankenversicherung gezahlt wird UND man nicht einmal unterrichten muss. Man kann sich also voll auf sein Studium konzentrieren. Auch in den Doktorandenprogrammen wird richtig um Studenten geworben. Alle Leute, die angenommen werden und in den USA wohnen, bekommen den Flug zur Uni und die Hotelkosten gezahlt, nur damit sie sich das Programm und die Uni anschauen können. Es gibt einen richtigen Wettbewerb um gute Studenten.
Auch persönlich war für mich das Semester sehr schön. Wie schon in den Einträgen zuvor erwähnt, ist es sehr leicht Freunde zu finden. Ein kleines Highlight war natürlich Thanksgiving, das ich mit ein paar Freunden gefeiert habe. Wir haben uns frühs um halb 11 getroffen und haben den Truthahn vorbereitet. Nachdem alles vorbereitet war, hatten wir dann einfach eine gute Zeit, die im Essen ihren Höhepunkt fand. Nachts bin ich --- bis oben hin mit Truthahn gefüllt --- gen Wohnung gelaufen.
Viel Freude hat mir 2013 natürlich der FC Bayern bereitet. Nachdem ich den glorreiche Triumph über Dortmund noch in Deutschland feiern durfte, musste ich den Sieg des UEFA Super Cup von Lexington aus feiern. Den Erfolg bei der FIFA-Klub-WM habe ich dann am Flughafen in Charlotte feiern können.
An dieser Stelle möchte ich mich nochmal für die ganzen Glückwünsche zum Geburtstag bedanken. Viele Dank auch für die netten Feiern und die tollen Geschenke! Es war sehr schön euch alle mal wieder zu sehen.
Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!
P.S.: Nur Fabi hat wohl die Matheaufgabe aus dem letzten Eintrag lösen können/ für trivial befunden :-)